Publikationen in der Physik – Das Beigemüse

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Kommentare

Nach einem ersten fachspezifisch ausgerichteten Teil vor einem guten Jahr folgt heute ein zweiter Teil. Er behandelt beigemüsliche Aspekte einer wissenschaftlichen Veröffentlichung und auch wenn er in erster Linie für den gfP1 bestimmt ist, so werden auch gemeine forschende Naturwissenschaftler (gfNws) durchaus einige Hilfestellungen finden.

Wie schon im ersten Teil erwähnt, besteht eine wissenschaftliche Publikation hauptsächlich aus Einleitung, Hauptteil, Schlussfolgerung. Das ist ganz praktisch, wird uns doch diese Gliederung seit der Grundschule nahe gelegt. Aus diesem Grunde soll nicht weiter darauf eingegangen werden, einzig zur Einleitung sei mir die Bemerkung erlaubt, dass selbige möglichst allgemein gehalten werden und unbedingt einen Welt rettenden Bezug2 haben soll. Drunter machen wir’s ja nicht.
Insbesondere in der Quantenphysik ist es unumgänglich, sich auf Bohr zu berufen. Typischerweise folgt eine kurze, prägnante Zusammenfassung der Quantenphysik des vergangenen Jahrhunderts, um dann im letzten Satz überraschend auf das eigentliche Thema der Veröffentlichung zu kommen.

Viel interessanter als das Grundgerüst Einleitung-Hauptteil-Schlussfolgerung ist jedoch das Drumherum. Das wird auch öfters gelesen als der eigentliche Artikel, wobei Einleitung und Schlussfolgerung immerhin meist überflogen werden. Mit dem Hauptteil setzen sich höchstens Fachkollegen oder arme, referatsvorbereitende Studenten auseinander.

I. Abstract

Abstract heisst auf Deutsch wahrscheinlich Zusammenfassung, nennt sich aber gemeinhin abstract und ist das Kernstück einer jeden Veröffentlichung. Eine gewisse Sorgfältigkeit ist also von Nutzen. Denn seien wir ehrlich: was gfNws monatelang treiben, kann man ganz einfach in drei, vier Sätzen sagen. Die Frage ist nur, ob man das auch will. Es kommt auf alle Fälle immer gut, den welt-retterischen Ansatz zumindest schon hier anzudeuten.

II. Danksagung

Die Danksagung allein hätte eigentlich einen Eintrag für sich verdient. Denn in der trockenen Materie, die so ein Paper nunmal darstellt, ist sie eine kleine menschelnde Oase. Wir unterscheiden zwischen

  • a) pragmatisch
    Von Emotionen kann man hier nicht sprechen. Gedankt wird meist Forschungsprogrammen, die Geld zur Verfügung gestellt haben. Adjektive sind hier grundsätzlich nicht anzutreffen.
  • b) zweckgebunden
    Man will sich auch nicht mit fremden Federn schmücken.
    Es handelt sich hier um die Form, die am häufigsten auftritt. Gedankt wird zumeist Kollegen. Gerne genommene Ausdrücke sind “wertvolle Diskussionen”, “aufschlussreich”, “geschätzt” etc. Ob jemand als Autor genannt oder nur eine Danksagung kriegt, ist dem persönlichen Geschmack und Animositäten überlassen. Fairness ist nicht immer offensichtlich.
  • c) enthüllend
    Verräterische Formulierungen sind “danken für ihre unermüdliche Arbeit”, “diese Arbeit wäre nicht möglich gewesen ohne…” Hier erfährt man nämlich, welcher Techniker sich die ganzen Nächte um die Ohren geschlagen und die Detektoren betüddelt und beschwört hat, welche Studenten die Drecksarbeit auf sich genommen haben und wer vielleicht die Idee, aber für die praktische Umsetzung keinen Fingerschlag getan hat. Wir sehen eine gewisse Verwandschaft zu Extremfällen aus Kategorie b).
  • d) WTF
    Adjektive werden benutzt, als gäbe es kein Morgen. Gedankt wird allen, gerne auch den eigenen Eltern, Freunden, Verlobten etc., ohne deren grenzenlose Unterstützung man nie da wäre, wo man jetzt sei. Et cetera bla bla. Hin und wieder mag der Leser versucht sein, eine Analyse der Ehe des Autors durchzuführen. Generell wird ein Exzess emotionaler Formulierungen vom gfNw als unangebracht betrachtet.

III. Referenzliste

Wird gerne auch mal hurtig fünf Minuten von der Deadline zusammengeschmiert. Die Kollegen, die so gute Gedanken hatten (siehe IIb), müssten doch irgendwo auch mal darüber geschrieben haben… Oder nicht? Hilfe??!! Und zwei Drittel der Referenzliste als “private discussion with X” zu kennzeichnen erhöht jetzt auch nicht unbedingt die Glaubwürdigkeit. (Das restliche Drittel hälftig aus je den Standardveröffentlichungen, die eh jeder in diesem Fachgebiet kennt, und den früheren Publikationen des Autors zusammengesetzt. Irgendwer muss einen ja zitieren. Auch wenn man es selbst ist.) Referenzlisten mit weniger Einträgen als Publikationsseitenzahl kommen einem wissenschaftlichen Selbstmord gleich.

  1. Wir erinnern uns: der gemeinen forschenden Physiker. []
  2. Ja, gilt auch für Stringtheoretiker. []
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2 Antworten auf Publikationen in der Physik – Das Beigemüse

  1. Basti sagt:
    #1

    Ist der große Abstand zwischen den beiden Teilen deiner Miniserie als Hinweis darauf zu verstehen, dass der Beginn an einem Paper und der Abschluss sehr oft Ewigkeiten auseinanderliegen? Mit Sicherheit. Wunderbar!

    Mein/e persönliche/s Rezept/Meinung zur Danksagung: Weglassen! Es sei denn man muss, dann im Typ a). Das gilt für alle Arbeiten aller Art. Danke sagt man persönlich bei ‘nem Bier, wenn man es ernst meint.

  2. Christine sagt:
    #2

    Wie, was, grosser Zeitabstand? Ich weiss nicht, wovon du sprichst … ;)

    Ich sehe das mit der Danksagung so ähnlich wie du – nur, manchmal kann das bei nem Bier auch zu einer arg pathetischen Sache werden, deshalb finde ich eine schriftliche Danksagung nicht immer schlecht, z.B. bei Doktorarbeiten. Wobei, Dansagungen in Doktorarbeiten, das ist ja noch ein ganz anderes Kapitel (und ewiges Quell des heimlichem Amüsemangs)