CERN’ed: Von Schwarzen Löchern, seltsamen Dingen und Menschen

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Kommentare

Amen.
Manchmal ist Physik ja so etwas wie eine Religion. Massenweise Leute, die sich einem Kollektiv anschließen und gemeinsame Sache machen. Aber wie in jeder guten Religion, gibt’s auch hier Vollidioten. Einige Vollidioten.
Aber fangen wir vorne an1


Kann leben, dank CERN. (flickr-Bild.)

Geräte und Institutionen, deren Fetzigkeit nur durch ihre Unverstehbarkeit übertroffen wird, bergen viel Potenzial für fiktionale Ausschmückung. Das CERN ist da ganz vorne dabei – direkt hinter der NASA in der 70er-Jahre-Version. Der ein oder andere Leser hat sicherlich schon einmal von einem Nischenbuchautor namens “Dan Brown” gehört. Dieser aufstrebende Autor schrieb einst ein Buch namens Illuminati. Darin ging’s um ganz viel Hokuspokus. Ausgangssituation des Buchs war ein toter Wissenschaflter im CERN, der gerade mit Antimaterie den Urknall (sic!) erforscht hat. Außerdem probierte er, und das ist auch eines der Leitmotive dieser Novelle, Wissenschaft und Religion in Einklang zu bringen. Wissenschaft und Religion? Wie bezeichnend.
Ein (wirklich) etwas unbekannteres Buch mit vielsagendem Titel “42” von Thomas Lehr beschreibt den Moment, in dem durch das CERN die Zeit angehalten wird. Weltweit.
Douglas Prestons “Credo” spielt zwar nicht am CERN, sondern an einem fiktionalen Teilchenbeschleuniger in Amerika. Dort findet man mitten im Punkt der Strahlkollision Gott. Ja, Gott. Der Gott von Religion und so.


Auch Ziegen können morgen noch kräftig meckern. Dank CERN. (Bild von flickr.)

Aber, hey, Science-Fiction. Da darf man das. Da kann einem das entweder gefallen, oder auch nicht.

Doch tatsächlich gibt es Menschen, die leben ihre Fiktionswahrnehmung in unserer2 Realität aus.
Selbsternannte CERN “Kritiker” haben Angst vor dieser großen, großen Maschine. Und dem Kleinen, Kleinen, was da passieren kann. Gut, kann man haben – nicht jeder muss von Teilchenkollisionen so euphorisiert sein wie wir. Aber da komme ich später zu.

Denn was nur leider so gut wie sämtliche “Kritiker”3 sich selbst ins (ir)relevante Abseits spielen lässt, das ist ihre Argumentation. Und ihre Argumentationsstruktur.
Ihr kennt das doch: Form und Inhalt korrelieren, hängen zusammen.
Da ist zum Beispiel der momentan4 auf der Startseite von Anlaufstelle lhc-concern.info5 (etwas weiter unten) prangende Text. Im ersten Moment wird man davon verwirrt, dass das Fett-zu-normal-Verhältnis ungefähr bei 1:1 liegt. Aber daran kann man sich ja gewöhnen. Es geht mir um die Sprache. Tiefe Temperaturen werden als etwas dargestellt, was schlimm ist. Was unnatürlich ist. Ebenso mit Stahlplatten, die von Teilchen durchschlagen werden.
Ich könnte so weiter machen, und wie in einer Deutschstunde in der Schule, Stück für Stück den Text zerpflücken.


Süßer Hund. Dank CERN. (flickr-Bild.)

Es wird eine Atomsphäre im Text aufgebaut, die abseits aller technischen und physikalischen, potenziellen Gefahren das Niveau auf die emotionale Ebene hebt. Eine Grundstimmung im Leser wird erzeugt. Fast schon, und jetzt möchte ich endlich den Bogen kriegen, wie eine Religion6. Statt rationale Argumente für sich sprechen zu lassen, wird die Form zum Inhalt7.

Das kann man entweder schlimm finden, oder man akzeptiert es einfach und kann ab dann köstlich darüber lachen.

Jetzt aber zu den wirklichen Argumenten der Kritiker.
Denen war ihre Sache schließlich so wichtig, dass sie Klagen an Gerichtshöfen eingereicht haben. Gut, die sind gescheitert. Aber auch nur, weil Kennedy von der Mondlandung ermordet wurde: Die Länder der Gerichtshöfe haben nämlich alle das CERN mitfinanziert – und wollen natürlich, dass das Ding an den Start geht. Und dass es die Welt zerstört. Ach, Moment. Nee, das natürlich nicht.

Die Kritiker befürchten, durch den LHC werden eine ganze Menge böse Sachen entstehen.


Erster in einer Reihe LHC-Comics von PHD Comics.

Mikro Schwarze Löcher. Oder Mini Schwarze Löcher. Je nach Skala. Das sind Raumzeitsingularitäten, die bei Teilchenkollisionen entstehen sollen. Und Singularitäten, das ist auch schon alles, was sie mit den Schwarzen Löchern gemeinsam hätten. Denn sie wären winzig klein und nur für den Bruchteil einer Sekunde existent. Konjunktiv? Ja! Denn die Enstehung Mikro Schwarzer Löcher ist keineswegs sicher. Erst unter Annahmen außerhalb des Standardmodells besteht überhaupt die Möglichkeit, dass sie entstehen. Das sind übrigens ähnliche Annahmen, die auch die Hawking-Strahlung voraussagen – jene Strahlung, die die Schwarzen Löcher sofort wieder verschwinden lassen würde.
Noch mehr Argumente dagegen? In der Erdatmosphäre, ach was, im ganzen Universum treffen ein paar mehr Teilchen aufeinander, als es im LHC tun. Mit größeren Energien, als im LHC. Häufiger, als im LHC. Mikro Schwarze Löcher? Klar, gestern noch gesehen, als ich meine Katze aus der Mirkowelle geholt habe. (Oder anders: Gäbe es solche Mikro Schwarze Löcher im Universum, hätten sie es längst verschlungen, es gäbe kein Universum mehr, ich könnte diese Zeilen nicht mehr tippen. FAIL.)

Strangelets. Könnten entstehen und alle Materie auffressen. Wie das Krümelmonster. Aber seit 2002 gibt es bereits ein Experiment (der Relativistic Heavy Ion Collider), das viel bessere Bedinungen für das Entstehen von Strangelets bereit hält – beim LHC wären sie ja schließlich bloß Nebenprodukt. Aber Moment, die Erde gibt’s noch. Seltsam, ne?

Es gibt noch mehr Bedrohnungen. Böse kosmische Strahlung, Vakuumsblasen, magnetische Monopole. Aber dazu haben sich schon viele, viele andere Leute viel neutraler geäußert, als ich es könnte.
Das CERN hat diverse Sicherheitskomissionen einberufen, Berichte veröffentlicht, Webseiten online gestellt. Selbst der Bundestag kommt zum Urteil8:

Insgesamt ist die Gefährdung, die vom LHC ausgeht, daher zumindest als sehr gering einzuschätzen.

Nur ob durch das LHC eine Riesenperserkatze entstehen wird und die ganze Welt auffressen wird, das kann ich nicht 100%ig ausschließen. Aber in ein paar Stunden wissen wir mehr.
Katzenallergie, anyone?

  1. Wer keine Lust auf meine pseudophilosophischen Ausführungen hat, kann getrost die ersten vier Abschnitte überspringen. Ich bin nicht böse. Nicht. []
  2. ja, auch meiner! []
  3. Von hier an werde ich die Anführungszeichen weg lassen, sie sind aber da! Ganz bestimmt! []
  4. Screenshot. []
  5. Dieses Wortspiel finde ich übrigens tatsächlich gut! []
  6. Nur als Disclaimer: Ich habe ganz und gar nichts gegen Religion. Erst recht nicht, wenn es sich um die großen Religionen handelt. Bei irgendwelchen Sekten sieht das allerdings schon etwas anders aus… []
  7. Was jetzt nicht für zur Religion gehört, sondern losgelöst zu verstehen ist. []
  8. Link zur Google-HTML-Version des PDFs. []
Kurzlink
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5 Antworten auf CERN’ed: Von Schwarzen Löchern, seltsamen Dingen und Menschen

  1. #3

    Ach ja. Die Verschwörungstheorie. Neulich hat mir ein Mensch mit besorgter Miene gesagt, dass da in Genève ja was ganz Gefährliches bald losgehe und so. Habe lauthals gelacht und alles für kompletten Stuss erklärt.
    Person war angepisst, weil ich würde ja eh nur meinen Professoren nachschwatzen und man könne nie wissen und sowieso und überhaupt.
    Ich hätte ruhig bleiben sollen. Man verdirbt es sich gründlich mit der “Normal”bevölkerung, wenn man als Wissenschaftler sich nur auch ein bisschen hochnäsig gibt, denke ich normalerweise. Stimmt auch. Aber bei solchen Auswüchsen tu ich mir sehr schwer damit, ernsthaft auf mein Gegenüber einzugehen.

  2. Andi sagt:
    #4

    Wegen unseres Praktikums war ich seit ein paar Wochen nur noch unter Fachidioten, also, ich meine Physikern.
    Ist vielleicht gar nicht so schlecht – mal schauen was ich mir bei meiner Resozialisierung am Wochenende anhören kann ;).

    Aber die Press Coverage zum Thema CERN ist ja auch sehr gähnend langweilig immer be-schwarze-löcher-t. Wenn es denn nicht so erschreckend wäre zumindest.

  3. André sagt:
    #5

    Ich glaube auch, dass mal wieder die Medien Schuld sind – jedenfalls ein Großteil von ihnen. Dass es immer ein paar Leute gibt, die Kritisieren, ist eigentlich selbstverständlich und nichts besonderes. Dass ihnen aber soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird schon.

    Auch wenn man in den Medien immer hört “Kritiker sagen, könnte Weltuntergang sein. Studien sagen, LHC ist sicher” schürt das eigentlich nur Angst. Man hört, es könnte der Weltuntergang sein und was danach kommt ist relativ egal. Vor allem, wenn man immer wieder hört, dass die Kritiker immer noch dran sind. Dann wird ja eventuell auch was dran sein.

    Und schon haben wir uns unsere kleine Hysterese Hysterie geschaffen, in der die Kritiker ebenso Wissenschaftler sind, aber die von der guten Sorte. Dass sie dabei in der deutlichen Unterzahl und offensichtlich falsch liegen wird einfach durch häufigeres Erwähnen und Hochpushen wett gemacht.

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