physikAdventskalender 24. Dezember: Finale – Weihnachtsmärchen

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CaticonDas große Finale unseres physikAdventskalenders bildet … *trommelwirbel* … ein Video.
André und Andi lesen “Ein physikalisches Märchen – oder: Wie Albert auszog das Zeitteilchen zu finden”. Ein Weihnachtsmärchen über Verzweiflung, über Verwirrung und Selbstfindung; über Einstein, Newton, Sokrates und Ötzi.

Wir wünschen allen ein frohes Fest – genießt die freien Tage.

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Ein physikalisches Weihnachtsmärchen

Eintrag des 24. Dezembers des physikAdventskalenders http://physik.andisblog.de/

von Andreas Herten

Vor langer langer langer langer Zeit konnte man in einem kahl anmutenden Zimmer einen Mann mit zotteligem Jahr über seinen Schreibtisch gebeugt sehen.
„So.“ sprach er und schloss das Manuskript mit der Aufschrift „Die Allgemeine Relativitätstheorie – von Albert Einstein“. Albert konnte es kaum glauben. Die letzten 11 Jahre verbrachte er mit der Schrift. Entwarf Theorie um Theorie und verwarf die Meisten von ihnen wieder. Docht jetzt war er fertig. Einfach so.
Naja. Nicht ganz. Denn etwas gefiel ihm noch nicht. Etwas fehlte ihm noch. Und er wusste auch was es war: Das Zeitteilchen. Das Tempon, wie er es nannte. Er wusste, dass es da war, doch hatte er es nie finden können.
Zwei Monate zogen ins Land, sein Manuskript fand in aller Welt Bewunderung. Doch Albert war nicht glücklich. Mehr und mehr quälte ihn der Gedanke an das Tempon. Er musste es finden. Er musste.
Und so kam der Tag, als er zu seiner Frau sprach: „Liebste Mileva, ich werde nicht mehr glücklich, mache ich mich nicht auf die Suche nach dem Zeitteilchen. Ich muss es finden.“ Doch Mileva hatte kein Verständnis, verließ Albert und ging in die Schweiz.
Doch für Albert war das nur ein Grund mehr seine Heimat zu verlassen. Er packte sein Hab und Gut in einen Rucksack, steckte sein Notizheft in die Tasche und zog hinaus ins Land.
Er ging nach Nordwesten, nach England. Er hatte gehört, dort seien schlaue Menschen zu Hause. Vielleicht konnten diese ihm helfen.
Nach mehreren Tagen langer Reise kam er in Kensington an. Er suchte nach einem gewissen Herrn Newton. Isaac Newton. Und fand ihn auch, er ließ sich gerade bei einem Frisör aus gebleichtem Pferdehaar eine neue Perücke anpassen.
„Isaac. Ich flehe dich an. So hilf mir doch! Hilf mir mein Zeitteilchen, mein Tempon zu finden!“. Doch Herr Newton war auf Albert gar nicht gut zu sprechen. Er konnte ihn nicht ausstehen. „Lieber Albert,“ sprach er mit grimmiger Mine „ich habe weiß Gott wichtigeres zu tun als mich mit deinem Hirngespinst zu beschäftigen. Mein Apfel fällt schneller als ein großes Blatt Papier gleicher Masse. Und ich weiß nicht warum. Ich kann dir nicht helfen!“
Albert galt nicht nur wegen seiner lustigen Zunge als herausragender Denker, er kannte die Antwort auf Herrn Newtons Problem schon längst, doch war er geradezu erbost von seiner Abfuhr und lief aus dem Geschäft heraus, gerade noch etwas von „Vakuum“ rufend. Er lief und lief und lief. Immer weiter. Durchschwamm den Ärmelkanal und lief noch ein Stück, ehe er zur Ruhe kam. Immer noch war er verärgert. Aber immer noch war er neugierig. Und so ging er weiter.
Er steuerte Paris an.
Auf dem Weg, er war gerade unter einem Baum eingenickt, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel und ihn weckte, hörte er auf einmal leises jammern. Er wusste nicht woher es kam. Schaute sich um und sah verschwommen neben dem Baum ein kleines, kleines Teilchen liegen.
„Hallo, ich bin Albert. Was ist denn los, warum weinst du?“ fragte er. „Mein Name ist Quarks. Und ich bin so verzweifelt. Ich habe die Orientierung verloren. Ich weiß nicht wo ich bin.“ antwortete es ihm. Albert entgegnete „Du bist irgendwo zwischen Paris und England. Neben einem Apfelbaum!“ Doch das konnte das Teilchen überhaupt nicht aufmuntern: „Ja, das weiß ich. Aber ich weiß nicht, wo ich GENAU bin. Verstehst du?“ widersprach es. Albert verstand in etwa was es meinte, er hatte davon mal den jungen Heisenberg reden hören. Naives Kerlchen, aber aus dem könnte mal was werden. Dem Teilchen jedenfalls konnte Einstein nicht helfen. Er sprach nur „ Ist das denn wichtig? Musst du denn wissen, wo du bist? Wenn es dich aber nicht los lässt, so gehe doch mal nach England. Ich habe gehört, dort gibt es schlaue Menschen.“ und verabschiedete sich.
In Paris angekommen suchte Albert ebenfalls Gelehrte auf. Doch jeden den er fand und der ihm von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft empfohlen worden war, jeder war gerade furchtbar mit einer Frau beschäftigt. Das verärgerte Einstein noch mehr. Klar, die Stadt der Liebe und so, aber hatte er nicht gerade seine Frau wegen dem Tempon verlassen? Oder sie ihn? Relativ egal. Jedenfalls einer den anderen.
Immer noch frustriert zog Albert weiter. Nach Osten sollte es gehen.
Bei den Alpen angekommen wollte ihm ein gut gebauter Jüngling mit lustigem Kostüm am Körper einen Elefant für die Überquerung für zwei Schilling verkaufen. Albert fand das amüsant, verwies aber dankend auf seine Füße. Und so zog er über die Alpen. Vorbei an Helm’s Klamm. Eine Schneeböe nach der andere trotzend. Sein innerstes brodelte so sehr, das er keine Kälte kannte. Irgendwann, es muss am Fuße einer der kleineren Berge gewesen sein, kam ihm ein Kerl entgegen, der sich selbst als Ötzi vorstellte. Er wollte etwas Geld von ihm. Aber Albert hatte weiß Gott etwas Besseres zu tun, als einem Bettler mitten in den Alpen Geld zu geben. Er verfluchte den Wanderer und schritt weiter. Keine zwei Stunden später kam ihm ein zweiter Wanderer entgegen. Dieser hatte einen schweren Wanderstock mit seltsam scharfer Spitze in der Hand und fragte Albert, ob er einen Obdachlosen in der Gegend gesehen habe. Voller Zorn deutete Albert in die Richtung, in der er Ötzi eben noch sprach.
Irgendwann kam Albert in Griechenland an. Er suchte einen gewissen Sokrates. Auch er galt als einer der Weisesten der Region. Er fand ihn und stellte ihm seine Frage nach dem Tempon. Doch dieser fing an. „Oh unbefangener Reisender. Welch mühevolle Qual der Reise nimmst du auf dich, nur um deinem Geiste Genugtuung in Form vollendeter Sätze zu bringen. Doch warum? Warum? Frage ich dich! Weißt du nichts bes…“ irgendwann stieg Albert aus. Sokrates redete und redete und hörte nicht mehr auf. Albert schlich sich leise davon, ohne das Sokrates etwas davon merkte.
Immer noch war er verzweifelt und verzweifelt von seiner Neugier. Aber er gab nicht auf und zog weiter – immer am Meer entlang. Irgendwo in der Türkei wurde er angezogen von lauter Musik. Sie kam aus einem schön geschwungenen Haus. Er trat hinein, fand sich auf einer Party wieder und stellte sich vor. Zwei ähnliche Personen traten ihm gegenüber. „Hallo Albert, wir sind die Brüder Sinus und Cosinus.“ nuschelten sie. ‚Alter, müssen die zugedröhnt sein’ dachte Albert, denn die beiden waren völlig neben sich. „Du denkst sicherlich, wir sind zugedröhnt. Nicht wahr? Nun, wir sind es auch.“ sprach einer von ihnen. „Warum das denn? Warum könnt ihr keine Party feiern ohne euch zuzudröhnen?“ fragte Albert interessiert. Der andere antwortete: „Hör mal, wir sind so gelangweilt von einander. Jedes Mal nur das Selbe. Hoch runter, hoch runter. Ok, mein Bruder ein bisschen später als ich, aber was soll das denn? Sogar differenzierte Betrachtung unter Integration verschiedener Experten drehten sich im Kreis. Es gibt keinen Ausweg! Das hier ist das Einzige, was noch einigermaßen Spaß macht.“
Albert schlug vor, sie sollten doch einmal ein paar andere Darstellungen probieren. Er nannte da das Beispiel der Exponentialfolgen. Die Brüder guckten sich verwirrt aber erstaunt an, verabschiedeten sich bei ihm, schenkten ihm noch ein „Periodic is beautiful“-T-Shirt, wünschten ihm Liebe und Frieden auf dem Weg und machte sich auf.
Er ging weiter und kam schließlich nach Keiro. Die ältesten Weisen sollten hier leben, hörte er. In seltsamen dreieckigen Bauten namens Pyramide. Doch wo er auch suchte, er fand keinen Eingang. ‚Das waren sicherlich Außerirdische’ dachte er und ging weiter. Kurz bevor er die Stadtgrenze erreichte, entdeckte er aber am Hafen ein Schiff mit spanischer Aufschrift. Er ließ sich zum Kapitän führen und stellte sich vor. Er entgegnete seine Vorstellung: „Hallo, mein Name ist Kolumbus. Und ich suche nach etwas Neuem.“ Albert fragte ihn: „Etwas Neues? Hast du nicht vor kurzem erst Amerika entdeckt?“ „Aber lieber Albert“, sprach Kolumbus „Amerika ist doch langweilig. Ich suche nach dem Urknall!“
„Probier’s mal ganz am Anfang des Universums“ sprach Albert und zog weiter.
Irgendwo musste doch sein Zeitteilchen zu finden sein. Es musste es geben. Er war sich immer noch sicher. In diesem Moment blickte er nach oben. Dort explodierte gerade ein Stern. Eine Supernova breitete sich wie ein grelles Licht über den Himmel aus. Albert hatte gelesen, in einem dieser furchtbar dicken Wälzer, dass es so was schon mal gab. Da sind so ein paar Typen in lustigen Kleidern Richtung Israel gelaufen. ‚Nun’, dachte er sich ‚was soll’s, soweit ist es ja nicht. Ich gehe auch einfach mal in die Richtung.’
Kurz vor der Grenze traf er auf eine betrübt umher hüpfende Gestalt. „Hallo! Ich bin Albert. Wer bist du? Und was machst du?“ fragte er. Er bekam antwort: „Ich bin die Gravitation. Aber ich habe meine Bodenständigkeit verloren. Ich habe mich immer weiter entfernt. Habe den Boden unter den Füßen verloren. Bin abgehoben.“ Beim letzten Wort fing die Gravitation gar bitterlich an zu weinen. Albert versuchte sie zu trösten: „Ach was, das geht sicherlich vorbei.“ Die Gravitation antwortete: „Nein, tut es nicht. Es ist schon ewig so. Und jetzt bin ich satt.“ Aber Albert kannte einen Auswege: „Spring! Und suche dir einen neuen Zentralkörper. Einen mit mehr Masse!“ Und die Gravitation ließ noch ein „Ciao!“ verlauten, sprang vom Boden ab und flog immer weiter in den Himmel hinein.
Irritiert, etwas geknickt ging Albert weiter nach Israel. Bethlehem war sein Ziel. Er musste in eine Krippe, soviel wusste er noch aus diesem Buch mit den vielen Seiten.
Und, tatsächlich, mitten auf einer Wiese war eine hell wie ein Fußballplatz bei Nacht und Championsleaguespiel leuchtende Futterkrippe. Seinen Blick fest anziehend ging er immer näher auf den Schuppen zu.
Drinnen saßen ein Mann, eine Frau und ein Kind. „Hübsches Kind.“ sagte Albert. „Danke!“ sagte die Mutter. „Danke!“ sagte das Kind. Da dachte sich Albert: ‚Wenn das Kind jetzt schon so gut sprechen kann, ist es sicherlich sehr intelligent. Einem Wunder gleichkommend.’ Und er sprach: „Kind, darf ich dich Mister Jay nennen? Weißt du, wo ich das Tempon finde? Ich suche schon mehrere Monate nach ihm. Habe schon mehrere tausend Längeneinheiten hinter mich gebracht. Bitte hilf mir!“
Und zum ersten Mal konnte jemand ihm helfen: „Oh, verwirrter Albert. Ich muss dich leider enttäuschen. Es gibt kein Zeitteilchen. Es gibt kein Tempon. Es existiert nur in deinem Kopf.“
Albert konnte es nicht fassen. War alles umsonst gewesen? Er fragte: „War alles umsonst gewesen?“. Da sagte das weise Kind: „Nichts ist umsonst, Albert. Du hast dein persönliches Tempon gefunden, auf der Reise nach hier. Du hast Menschen geholfen, hast ihnen etwas gegeben. Das ist dein Tempon. Dein Zeitteilchen.“
Albert begriff auf einmal, was das Kind damit meinte.
Er bedankte sich ehrfürchtig und machte sich glücklich auf den Weg zurück nach Berlin, wo er vor der 20:15 Vorstellung im Theater nur noch kurz die Weltformel niederschreiben wollte. Den Beweis hatte er sich irgendwo auf einen Blattrand notiert.

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6 Antworten auf physikAdventskalender 24. Dezember: Finale – Weihnachtsmärchen

  1. Thea sagt:
    #1

    wow… and so this is christmas..
    Eine gelungene Story, super vorgetragen, echt klasse Finale :) Congratulations, Ich will mehr!
    Frohe Weihnachten

  2. Katharina sagt:
    #2

    Nach vielen Geschichten der Familie war das noch eine schöne Abwechslung zum Schluss.
    Weiterhin: Frohe Festtage :)

  3. Eva sagt:
    #3

    Ich bin begeistert! wow!
    Ganz tolle Geschichte… danke für den ganzen physikAdventskalender!
    Habt noch schöne Tage!

  4. Tobias sagt:
    #4

    OK, habe es ausgemacht.
    Habe es nicht mehr ausgehalten… — sorry :)

  5. André sagt:
    #5

    Naja, ist ja auch kein Wunder – Weihnachten ist ja seit schätzungsweise 1,5*10^6 Sekunden vorbei. Dass man da keine Weihnachtsgeschichten mehr hören will ist nicht weiter erstaunlich :)

  6. Knox sagt:
    #6

    Auch wenn Weihnachten nun wirklich schon lange vorbei ist hatte ich jede Menge Spaß mit der Geschichte.
    Ich speichere sie mal spontan unter “Eine kurze Geschichte der Zeit” ab!